Insbesondere aufgrund ihrer historischen Erfahrungen gelten die Deutschen beim Thema Inflation als besonders sensibel. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Verbraucher mit Sorge auf die ju?ngsten Meldungen des Statistisches Bundesamts reagieren. Demnach lag die Inflationsrate im Juni bei +2,3 % – im Zuge der erfolgten Lockerungsma?nahmen hat sich der Preisauftrieb zuletzt zwar etwas entspannt, aber es ist trotzdem einer der h?chsten monatlichen Werte seit nahezu zehn Jahren. Bereits seit Anfang des Jahres 2021 war ein starker Auftrieb bei den Verbraucherpreisen zu beobachten.

Bei 2,3 % lag die Inflationsrate im Juni 2021.

Sind die Jahre gem??igter Inflationsraten nun voru?ber? Dieser Beitrag setzt sich mit den verschiedenen Gru?nden fu?r den aktuellen Preisanstieg auseinander.

H?here Energiepreise sorgen für Preisauftrieb

Zuletzt legten die Preise der Energieprodukte fu?r private Verbraucher mit einem kr?ftigen Plus von 9,4 % zu. Der Preis fu?r Roh?l am Weltmarkt entwickelte sich in den vergangenen eineinhalb Jahren sehr volatil: Er war im Fru?hjahr 2020 erst stark gesunken und hat sich seitdem wieder erholt. W?hrend im vergangenen Jahr die Energiepreise fu?r die Konsumenten deutlich gesunken waren, treiben sie dieses Jahr die Inflation spu?rbar an. Die Kerninflation, also die Entwicklung der Verbraucherpreise unter Herausrechnung der volatilen Energie- und Lebensmittelpreise, belief sich im Juni nur auf 1,7 %.

In Kürze Kernrate mit 1,7 % spürbar unter Inflationsrate insgesamt.

Auf der vorgelagerten Stufe der volkswirtschaftlichen Leistungserstellung sind die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte ebenfalls deutlich gestiegen. Im Juni lagen diese um 8,5 % u?ber dem Vorjahresniveau. Dies war der st?rkste Zuwachs seit Januar 1982. Im Jahr 2020 hatte die Rate meist im negativen Bereich gelegen. Am st?rksten erh?hten sich fu?r gewerbliche Hersteller im Juni die Preise fu?r Erd?l und Erdgas; sie haben sich gegenu?ber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Die Preise fu?r Mineral?lerzeugnisse legten um 32 % zu. Ebenfalls stark – um 26 % – verteuert haben sich Metalle. Etwas geringer, aber immer noch deutlich, fielen die Zuw?chse bei den Holzpreisen aus (+24 %).

Sonderfaktoren sorgen für tempor?ren Preisschub

Der Preisauftrieb fu?r Produzenten und Konsumenten ist auf verschiedene, voru?bergehende Sonderentwicklungen zuru?ckzufu?hren:

Wegen Senkung der Umsatzsteuers?tze vor einem Jahr k?nnte die Inflation bald auf 3 % oder mehr ansteigen.

Erstens sind binnen Jahresfrist die Rohstoffpreise merklich gestiegen. Insbesondere Roh?l hat sich im Vorjahresvergleich kr?ftig verteuert. Der Preis fu?r die Sorte Brent war im Zuge der Corona- Pandemie und durch einen F?rderwettbewerb zwischen Russland und Saudi-Arabien w?hrend des Fru?hjahrs 2020 zeitweise auf unter 23 US-Dollar je Barrel gefallen. Mittlerweile liegt er wieder bei rund 75 US-Dollar. Das entspricht einer Steigerung von etwa 225 %. W?hrend die Energiepreise im letzten Jahr die Inflation stark bremsten, tragen sie inzwischen spu?rbar zum Anstieg bei. Allerdings stellt ein Gro?teil der Preisrallye lediglich ein Aufholen zum Vorkrisenniveau dar.

Um etwa 225 % ist der Roh?lpreis seit seinem Tief vom Frühjahr 2020 gestiegen.

Zweitens sind zu Beginn des Jahres Ma?nahmen des Klimapakets in Kraft getreten. Zu nennen sind hier insbesondere die Einfu?hrung der CO2- Bepreisung fu?r die Bereiche Transport und Geb?udeheizung sowie die Anhebung der Kfz-Steuer fu?r bestimmte Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Diese Preiswirkungen werden durch die Senkung der EEG-Umlage nur zum Teil kompensiert und werden das Preisniveau voru?bergehend st?rker steigen lassen. Die geplante weitere Anhebung des CO2-Preises sollte sich – auch nach Ansicht des Sachverst?ndigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – weniger stark auf die Inflationsentwicklung auswirken.

Unter 2 % wird die Inflationsrate voraussichtlich zum Jahresbeginn 2022 wieder fallen.

Drittens ist die Inflationsrate vom Dezember 2020 zum Januar 2021 vor allem deshalb von minus 0,3 % auf 1,0 % angestiegen, weil die voru?bergehende Senkung der Umsatzsteuers?tze auslief. Mit gro?er Wahrscheinlichkeit springt die Inflationsrate von Juni auf Juli dieses Jahres ein weiteres Mal spu?rbar nach oben. Die tempor?re Senkung der Umsatzsteuers?tze ab Juli 2020 fu?hrt zus?tzlich zu einem sogenannten Basiseffekt. Die aktuellen Verbraucherpreise mit vollen Umsatzsteuers?tzen werden mit den Verbraucherpreisen vor einem Jahr mit den verminderten Umsatzsteuers?tzen verglichen. In der zweiten Jahresh?lfte 2021 du?rfte sich deshalb die monatliche Inflationsrate auf 3 % oder daru?ber erh?hen.

In Kürze Die weitere Anhebung des CO2-Preises dürfte sich nicht mehr so stark auf die Inflation auswirken.

Normalisierung in Sicht

Zum Jahreswechsel 2021/22 wird die Inflationsrate wieder unter die Zwei-Prozent-Marke sinken: Zum einen fallen die Effekte der tempor?ren Senkung der Umsatzsteuers?tze und der Einfu?hrung der CO2-Bepreisung wieder aus dem Vorjahresvergleich heraus. Zum anderen du?rfte sich die derzeit dynamische ?lpreisentwicklung aus heutiger Sicht nicht weiter fortsetzen. Nach den Terminkontrakten fu?r Roh?l, die derzeit an den B?rsen gehandelt werden, ist mit einem tendenziellen Sinken des Roh?lpreises in diesem und im kommenden Jahr zur rechnen.

Die M?rkte gehen von einem wieder sinkenden Roh?lpreis aus.

Dafu?r spricht auch, dass der Aufholprozess der globalen Industriekonjunktur bereits fortgeschritten ist und im weiteren Verlauf weniger dynamisch verlaufen du?rfte. Die weltweite Industrieproduktion u?bertrifft ihr Vorkrisenniveau schon wieder spu?rbar (Abbildung 1).

Inflationsgefahr in Deutschland?
Auf gut 200 Mrd. Euro wird die aufgestaute Kaufkraft aus der Corona-Krise gesch?tzt.

In der Corona-Krise konnte die Bev?lkerung nicht mehr ihren u?blichen Konsumgewohnheiten nachgehen, wodurch sich die Sparquote der privaten Haushalte kr?ftig von 11 % im Jahr 2019 auf 16 % im Jahr 2020 erh?ht hatte. Die damit einhergehende aufgestaute Kaufkraft wird u?ber die Jahre 2020 und 2021 zusammen auf etwas u?ber 200 Mrd. Euro gesch?tzt. Es stellt sich die Frage, ob es zu einer deutlichen Verst?rkung des Auftriebs beim Verbraucherpreisniveau kommen k?nnte, falls sich diese Kaufkraft schlagartig entfaltet. Es ist jedoch eher davon auszugehen, dass sich die Sparquote langsam wieder zuru?ckbildet. Zum Teil l?sst sich der entgangene Konsum kaum nachholen, wie z. B. Restaurant- oder Konzertbesuche. Allerdings k?nnten Unternehmen mit hohen Umsatzeinbu?en auch die Preise anheben, um Umsatzverluste teilweise auszugleichen. In anderen L?ndern, die die Beschr?nkungen fru?her gelockert haben, konnte allerdings kein besonders starker Preisauftrieb beobachtet werden. Des Weiteren sind es vor allem Haushalte mit h?herem Einkommen, die w?hrend der Corona-Krise mehr gespart haben. Ihre Konsumneigung ist eher gering. Jedenfalls sind eventuelle Nachholeffekte tempor?rer Natur und bewirken keinen nachhaltigen Anstieg der Inflation.

Mit 1,4 % Inflation rechnet die Bundesregierung im Jahr 2022.

1,4 % Inflation im kommenden Jahr

Im Lichte der dargelegten Argumente geht die Bundesregierung in ihrer Fru?hjahrsprojektion vom 27. April 2021 davon aus, dass die Inflationsrate nach 0,5 % im letzten Jahr auf 2,3 % in diesem Jahr ansteigt. Fu?r das Jahr 2022 wird mit einer wieder moderaten Inflationsrate von 1,4 % gerechnet (Abbildung 2).

Inflationsgefahr in Deutschland?
Auf 1,9 % belief sich die Inflationsrate in der Eurozone im Juni 2021.

Dieser Verlauf passt auch zur Entwicklung der Inflationserwartungen fu?r die kommenden Jahre, gemessen an der Renditedifferenz zwischen klassischen und inflationsindexierten 10-j?hrigen Bundesanleihen. Diese sog. Breakeven-Inflationsrate ist seit dem Fru?hjahr 2020 wieder angestiegen, liegt aber gleichwohl nicht auf einem erh?hten Niveau und ist zuletzt sogar etwas gesunken. Ein entscheidender Grund hierfu?r du?rfte sein, dass derzeit keine sogenannte Lohn-Preis-Spirale in Deutschland auszumachen ist. Das w?re nur der Fall, wenn es zu dauerhaften spu?rbar steigenden Inflationserwartungen kommen wu?rde, die dann wiederum zu h?heren Lohnabschlu?ssen fu?hrten. Eine solche Entwicklung zeichnet sich aber fu?r Deutschland nicht ab.

Eine Inflationstreibende Lohn-Preis-Spirale wird derzeit nicht erwartet.

Auch die ju?ngsten Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute und des Sachverst?ndigenrates gehen in diesem Jahr zwar von einem kr?ftigen Anstieg der Inflation aus: Das Prognosespektrum reicht von 2,1 % bis 2,7 %. Fu?r n?chstes Jahr sehen auch die Experten wieder einen spu?rbaren Ru?ckgang auf 1,7 % bis 1,9 %. Die Inflationsrate du?rfte somit wieder unter die Zwei-Prozent-Marke fallen, die fu?r die Europ?ische Zentralbank eine wichtige Rolle spielt (siehe Kasten).


KONTAKT

Dr. Harald Kotsch

Referat: Beobachtung, Analyse und Projektion der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

schlaglichter@bmwi.bund.de

Inflationsentwicklungen in der Eurozone

Auch in der Eurozone insgesamt hat die Inflation, gemessen anhand des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), zuletzt deutlich angezogen. W?hrend im vergangenen Jahr die Verbraucherpreise teilweise gesunken waren, lag die j?hrliche Rate im Mai 2021 erstmals seit 2018 wieder bei 2 %. Ma?gebliche Treiber sind auch hier h?here Energie- und ?lpreise, tempor?re Sondereffekte auf L?nderebene, aber auch eine gesteigerte Nachfrage infolge von Lockerungen verschiedener Coronama?nahmen und eine Neugewichtung des zugrundeliegenden Warenkorbs. Im Juni schw?chte sich die Inflationsrate allerdings wieder leicht auf 1,9 % ab. Auch unterscheiden sich die Inflationsraten bzw. die Steigerung dieser zwischen den Mitgliedstaaten der Eurozone zum Teil deutlich. W?hrend z. B. auch Spanien mit 2,5 % im Juni u?ber der aggregierten Eurozonenrate liegt, sind die Preise in Italien im Vergleich zum Vorjahr nur um 1,3 % gestiegen.

In ihrer Sommerprognose geht die Europ?ische Kommission davon aus, dass die beschriebenen Effekte auch fu?r den Rest des laufenden Jahres einen gewissen Preisdruck ausu?ben werden. Gleichzeitig du?rfte trotz der einsetzenden Erholung noch eine gesamtwirtschaftliche Unterauslastung in den meisten Mitgliedstaaten und auf den Arbeitsm?rkten inflationsd?mpfend wirken. Insgesamt sieht die Europ?ische Kommission keine Anzeichen fu?r eine langfristig gesteigerte Preisdynamik. Fu?r 2021 prognostiziert sie eine Teuerungsrate von 1,9 %, bevor diese in 2022 wieder auf 1,4 % fallen du?rfte (Abbildung 3). Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen Mitgliedstaaten. Die im europ?ischen Vergleich erh?hte Prognose fu?r Deutschland 2021 du?rfte insbesondere auf die tempor?re Senkung der Umsatzsteuers?tze im 2. Halbjahr 2020 sowie die Einfu?hrung der CO2-Bepreisung im Geb?ude- und Verkehrssektor zuru?ckzufu?hren sein.

Die Europ?ische Zentralbank (EZB) kann steigender Inflation entgegenwirken. Sie hat auch angeku?ndigt, dies zu tun, allerdings erst, wenn sich die Inflation in der Eurozone nachhaltig erholt. Dabei richtet die EZB ihre Geldpolitik auf die Eurozone insgesamt aus und verfolgt ein Inflationsziel von 2 %. Da die Inflationsrate im Euroraum im Projektionszeitraum voraussichtlich wieder sinkt und das Inflationsziel mittelfristig nicht erreicht, du?rfte das derzeit zu beobachtende Bild dem EZB-Rat nicht ausreichend Anlass geben, gegenzusteuern, auch wenn in einzelnen Mitgliedstaaten voru?bergehend deutlich h?here Inflationsraten zu beobachten sind.

Inflationsgefahr in Deutschland?